Pirmin Spiegel beim MISEREOR-Jahresempfang.© MISEREOR
Berlin/Aachen, 27. November 2015

Exporte schaffen Hunger - Entwicklung geht anders!

MISEREOR-Jahresempfang: Kleinbauern werden weltweit ins Aus getrieben

(Berlin/Aachen, 27. November 2015) 795 Millionen Menschen haben nicht genug zu essen. Das ist ein Grund für weltweite Konflikte und Leid. Bauern und regionale Märkte müssen weltweit gestärkt werden, um die Ernährung aller zu sichern. Dies war eine Hauptforderung gestern in Berlin auf dem  Jahresempfang von MISEREOR, dem katholischen Werk für Entwicklungszusammenarbeit. "Kleinbauern leisten einen wichtigen Beitrag zur Ernährungssicherheit in vielen Teilen der Welt und sind Rückgrat der Landwirtschaft. Trotz anders lautender Lippenbekenntnisse werden sie aber in ihrer Bedeutung von der Politik häufig nicht wahrgenommen oder sogar ins Aus getrieben. Das muss sich ändern", betonte MISEREOR-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel.

An den Lebensmitteln "Zucker" und "Milch" wurde auf der MISEREOR-Ernährungskonferenz aufgezeigt, wie der Verdrängungsdruck auf kleinere landwirtschaftliche Betriebe weltweit abläuft. Dr. Sagari Ramdas von der indischen MISEREOR-Partnerorganisation Food Sovereignty Alliance machte deutlich: "Großmolkereien aus Europa stellen Produkte auf Milchpulverbasis her und beliefern lokale Märkte in Entwicklungsländern. Das gefährdet die Existenz dortiger Kleinproduzenten, die nicht mit den Billigimporten konkurrieren können. Ihr Beitrag zur Ernährung der lokalen Bevölkerung wird geringer und ein wichtiges Potential der Armutsbekämpfung ist nicht ausgeschöpft. So schafft zum Beispiel die Produktion von einer Million Liter Milch in Bangladesch 300 Arbeitsplätze und damit Einkommen für viele Familien. In Deutschland dagegen sind es nur drei Arbeitsplätze." Auch in Indien spitzt sich die Situation weiter zu. "Wenn die gerade wieder aufgenommenen Gespräche über ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien zum Wegfall von Zöllen auf  Milchprodukte führen, werden noch mehr indische Milchviehhalter vom Markt verdrängt", so Ramdas.

Die Bauern im Süden und im Norden sind gleichermaßen von Strukturwandel betroffen

Fallende Milchpreise und die Weltmarktorientierung der Großmolkereien sind Entwicklungen, die auch in Europa auf Kosten der Bauern gehen. Gewinner sind einige wenige Molkereien. Durch den Strukturwandel mussten hierzulande in den letzten acht Jahren 23.500 Milchbetriebe ihre Produktion einstellen. "Es herrscht eine Situation von 'wachse oder weiche', die Bauernhöfe verschwinden lässt, Vielfalt reduziert und zum Wandel unserer Kulturlandschaft führt. Das Ergebnis dieses Prozesses ist nicht eine bessere Versorgung der Bevölkerung oder ein Beitrag zur Hungerbekämpfung, sondern höhere Gewinne für Wenige auch durch die Ausweitung des Exportes von billig produziertem Milchpulver etwa nach Afrika. Das nützt einigen Großproduzenten und schadet vielen. So wie in den Entwicklungsländern  werden auch in Deutschland Kleinbetriebe und Nebenerwerbslandwirte von der Politik eher ignoriert", sagte Pirmin Spiegel.

Auch Bundesminister Dr. Gerd Müller wies beim MISEREOR Jahresempfang 2015 auf die internationalen Zusammenhänge hin. "Unsere Welt wächst ständig zusammen. Krisen, Krieg, Hunger, Mangelernährung gehen auch uns etwas an", so Müller. "Unsere Welt kann nur stabil und friedlich sein, wenn erstens alle Menschen ausreichend und gut zu essen haben. Und wenn es zweitens gelingt, diese Nahrung so zu produzieren, dass unser Planet nicht geplündert und verwüstet wird. Konsum, Weltmarkt und Ernährungssysteme müssen nachhaltiger und fairer werden. Wir alle sind
aufgerufen, die Globalisierung gerechter zu gestalten."

MISEREOR-Partner bauen lokale Ernährungssysteme erfolgreich auf

Aus der Sicht von MISEREOR haben bisherige politische Konzepte weltweit weder Hunger noch Fehl- und Mangelernährung beseitigt. Die Milchproduktion sei für lokale und regionale Märkte ein großes Potential zur Armutsbekämpfung. Sie wird von über 120 Millionen Betrieben mit durchschnittlich 2,9 Kühen gewonnen. Beispielhaft ist die Partnerschaft in Indien zwischen Milchhirtinnen und einer Internatsschule, die  mit Unterstützung von MISEREOR-Partnern vor Ort ins Leben gerufen wurde. Auf diese Weise konnte die Frauenkooperative sich wieder einen lokalen Markt erschließen.

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